Kalendereintrag

Mannheimer Abkommen

Die Massenstreikdebatte war neben dem Revisionismusstreit eine der zentralen Auseinandersetzungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. In ihr wurden die unterschiedlichen theoretischen und strategischen Ansichten der einzelnen Parteiflügel deutlich sichtbar. Dabei konnte der Gewerkschaftsflügel auf dem Mannheimer Parteitag der SPD von 1906 mit dem so genannten Mannheimer Abkommen letztlich einen beachtlichen Erfolg erzielen.

Hintergrund: Sollte es nicht zum Bruch zwischen Gewerkschaften und der SPD kommen, wurde ein Ausgleich zwischen dem Beschluss der Gewerkschaften und des Parteitages von 1905 notwendig. In vertraulichen Kontakten, gegen die Luxemburg und die Linke heftig protestierten, versuchte der Parteivorstand mit den Gewerkschaften zu einer Einigung zu kommen. Bebel formulierte dies auf dem Mannheimer Parteitag von 1906 unmissverständlich: „Wir wollen vor allem Frieden und Eintracht zwischen Partei und Gewerkschaften herbeiführen.“ Der Parteitag stimmte dem Antrag des Vorstandes zu, dass politische Aktionen ohne aktiven Rückhalt in den Gewerkschaften keine Aussicht auf Erfolg haben könnten. Damit hatte nicht die Partei, sondern die Generalkommission der Gewerkschaften in der Massenstreikfrage das letzte Wort. Dies bedeutete faktisch eine klare Absage für einen offensiven politischen Massenstreik. Der Parteitag verlief zwar hektisch und nervös, endete aber mit einem Beschluss, der faktisch einen Sieg der Gewerkschaften bedeutete. Dieses später so genannte Mannheimer Abkommen definierte über die Frage des Massenstreiks hinaus die Rolle von Gewerkschaften und Partei neu. Der Parteitag stimmte der Formulierung zu, dass die Gewerkschaften an „Wichtigkeit hinter der sozialdemokratischen Partei nicht zurückstehen.“ Außerdem mit Blick auf einen Massenstreik wurde festgelegt: „Um bei Aktionen, die die Interessen der Gewerkschaften und Partei gleichermaßen berühren, ein einheitliches Vorgehen herbeizuführen, sollen die Zentralleitungen der beiden Organisationen sich zu verständigen suchen.“ Die Niederlage der russischen Revolution hat zur nachlassenden Unterstützung für den politischen Generalstreik zweifellos stark beigetragen. In dieser Entscheidung zeichnet sich nicht nur die Stärke der in den letzten Jahren explosionsartig gewachsenen Gewerkschaften ab. Vielmehr deutete sich hier eine Abkehr der Sozialdemokratie von den bisherigen revolutionären Konzepten hin zur primär sozialreformerischen Ausrichtung während der Weimarer Republik ab. In Bremen war die Debatte ein Auslöser für einen Radikalisierungsprozess, der zum Entstehen der Bremer Linksradikalen führte. Die Massenstreikdebatte selbst spielte in den folgenden Jahren keine nennenswerte Rolle mehr. Eine Ausnahme machte die internationale Ebene. Auf dem Sozialistenkongress von 1907 in Stuttgart war das Problem ein zentrales Thema. Im preußischen Wahlrechtskampf von 1910 blieb das Thema im Wesentlichen auf eine „Schreibtischdebatte“ zwischen Rosa Luxemburg und Karl Kautsky beschränkt, und im Jahr 1913 bestätigte der sozialdemokratische Parteitag die Linie von 1906.

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Datum:
Samstag, 28. September 2019